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Mitarbeiter der Abteilung für Neuste Geschichte der Russisch-orthodoxen Kirche der OGSTU haben an einer internationalen wissenschaftlichen Tagung in der Lutherstadt Wittenberg teilgenommen

Vom 4. -6. November fand in der Lutherstadt Wittenberg die internationale wissenschaftliche Tagung der Rote Terror und die Kirchen Von der schwierigen Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen statt, organisiert von der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. Von der der Orthodoxen Geisteswissenschaftlichen St. Tichon Universität (OGSTU) nahmen die Historiker und Mitarbeiter der Abteilung für Neuste Geschichte, Lidija Golovkova und Dr. Dr. Andrej Kostrjukov teil.

 Die Tagung wurde durch Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, mit einer Begrüßung und einer Einführung ins Thema eröffnet. Es folgte Manfred Sapper, Redakteur der Zeitschrift OSTEUROPA, der einen Vortrag mit dem Titel Der Rote Terror noch eine Meldung wert? hielt. Er beleuchtete den Umgang der deutschen und russischen Medien mit dem Stalinismus und wies auf die Schwierigkeiten der unvoreingenommenen Forschung auf diesem Gebiet hin. In besonderem Maße widmete sich Sapper der Sicht auf die Verfolgung der russischen Schriftsteller wie Aleksandr Solženicyn, Valam Šalamov und andere.

Großes Interesse erweckte Michael Viebigs Vortrag Der Rote Ochse zwischen national-sozialistischen und stalinistischen Verbrechen. Viebig ist Leiter der Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale), die in der ehemaligen Haftanstalt der national-sozialistischen [und später der DDR-] Diktatur untergebracht ist. Nachdem die Sowjettruppen in Deutschland einmarschiert waren, übte das 1942 gegründete Gefängnis weiterhin seine Funktion nun unter einer anderen Flagge aus. Anfang der 1950er Jahre übergab die sowjetische Führung die Haftanstalt dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Heute befindet sich in den Gebäuden des ehemaligen Gefängnisses die Gedenkstätte. Viebig zeigte den Vortragenden und Gästen der Tagung Fotos der Gefängnisräume, sowie der Hinrichtungs- und Folterinstrumente. Der Wissenschaftler betonte, dass das Hauptziel dieses und ähnlicher Haftanstalten darin lag, die Persönlichkeit des Menschen zu brechen.

Der zweite Tag wurde durch den Vortrag von Prof. Dr. Jörg Barberowski, vom Institut für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, eröffnet. Der Wissenschaftler, der in Russland mit seinen Büchern Der Rote Terror, Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus u.a. bekannt geworden ist, referierte über die Phasen der Repression sowie über den Einfluss politischer Auseinandersetzungen innerhalb der sowjetischen Führung auf den Verlauf der Repressionen. Er warf Licht auf den innerparteilichen Konflikt nach Stalins Tod, als es wahrscheinlich war, dass Lavrentij Berija als neuer Diktator in Erscheinung tritt.

 Hieran knüpfte Dr. Andrej Kostrjukov seinen Vortrag über die stalinistische Politik gegenüber der orthodoxen Kirche. Während seiner ganzen Existenz war der Sowjetstaat antireligiös eingestellt, wobei die Haltung je nach innerer und äußerer Situation Schwankungen unterlag. Besonders stark wurde der Druck auf die Orthodoxie Anfang der 1930er Jahre, den Jahren der Kollektivierung, als über die Kirche eine Welle von Verhaftungen stürzte. Nach einer kurzen Ruhephase Mitte der 1930er Jahre brach in den Jahren 1937-1938 der Große Terror über der Kirche ein, gekennzeichnet von Massenerschießungen von Geistlichen und Laien. Nachdem Stalin die Kirche Mitte der 1940er Jahre für seine Zwecke benutzt hatte, kehrte er 1948 zu seiner repressiven Politik gegenüber der Orthodoxie zurück.

 Es folgte Lidija Golovkova mit ihrem Vortrag zu Erschießungen von orthodoxen Christen in Moskau. Die Wissenschaftlerin behandelte die grauenvollen stalinistischen Gefängnisse Butyrskaja, Taganskaja und Suchanovskaja: Schreckensorte der NKWD-Geheimpolizei, die sich in Fabriken des Todes verwandelten. Sie nannte Klöster, die zu Konzentrationslagern umgebildet wurden und wenig bekannte Moskauer Gefängnisse, darunter das Kreml-Gefängnis. Große Aufmerksamkeit rief der Bericht über Giftlaboratorien und Versuchen von giftigen Mitteln an zum Tode Verurteilten hervor. Desweiteren verwies sie auf Orte der Vertuschung: die Grabstätten der Ermordeten. In Moskau waren es das Krankenhaus Medsantrud am Fluss Jauza, Truppenübungsplatz Kommunarka, Übungsplatz Butovo, die Friedhöfe Vagankovo, Danilov u.a.

Am selben Tag wurde die Konferenz in Arbeitsgruppen fortgesetzt. In einer dieser schilderte Kostrjukov die Probleme bei der Kanonisierung von russischen Neumärtyrern, die zunächst von der russischen Auslandskirche und erst später vom Moskauer Patriarchat heiliggesprochen wurden. Er ging im Besonderen auf das Verständnis des geistigen Kampfes des christlichen Märtyrertums unter den Umständen des zwanzigsten Jahrhunderts ein. In einer anderen Arbeitsgruppe berichtete Golovkova über die Strafakten zu den Opfern der Repressionen und richtete das Augenmerk auf die Schwierigkeiten, die sich bei der Arbeit mit diesen Materialien ergeben.

 Laut einiger Forscher sind in allen Akten Verfälschungen verschiedenen Grades vorzufinden. Manche seien von Anfang bis Ende gestellt und erst nach dem Tode der betroffenen Person angelegt worden, während andere Ermittlungsverfahren nur zum Teil verfälscht seien. Dies treffe etwa auf Falschanklagen gegen orthodoxe Christen zu, die oft der Spionage oder der Errichtung von konterrevolutionären Organisationen beschuldigt worden seien.

Im Anschluss referierte Dr. Heinz Wehmeier, Vorsitzender der Deutsch-Russländischen Gesellschaft, über den Lebensweg der Neumärtyrerin Elisaveta Fedorovna, ihren Dienst an der Kirche und an der Gesellschaft, über die Umstände ihrer Verhaftung sowie ihren Märtyrertod.

 Am 6. November hielt Anke Giesen, vom Institut für Geschichte an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, einen Vortrag zu den Erinnerungsdiskursen des postsowjetischen Russlands zum antikirchlichen Terror. Sie verwies auf zeitgenössische Enthusiasten, die Gedenkstätten zu sowjetischen Repressionen gründen, und ging besonders auf das Museum politischer Repressionen in Perm und auf das Moskauer Historische GULAG-Museum, das 2015 eröffnete, ein. Giesen stellte fest, dass die Erinnerung an die Repressionen nicht in dem Maße besteht, wie sie dieser schrecklichen Tragödie in der Geschichte des russischen Volkes gebührt.

Zum Schluss der Konferenz wurde Bilanz gezogen. Die Forscher nannten eine Reihe von Hindernissen, die auf dem Weg zur Aufarbeitung der Repressionen gegen die Kirche liegen. Die Konferenzteilnehmer bedauerten insbesondere, dass zurzeit das größte Problem darin liegt, dass viele russische Archive faktisch unzugänglich sind.

Andrej Kostrjukov                                         09. November 2016

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