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Vortrag über den Russischen Stil in der Architektur von Erzpriester Alexander Bertash (Deutschland), Experte für Architekturgeschichte der Kirchen
Am 31.01.17 hielt der bekannte Experte für Architekturgeschichte der Kirche, Alexander Bertash, Kleriker der Deutschen Eparchie der Russisch Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats einen Vortrag an der Fakultät für Kirchenkunst der OGSTU.

 Das Thema des Vortrags:

Russisch oder Pseudorussisch? Die Architektur russischer Kirchen in der Epoche zwischen Nikolaj I. und Nikolaj II.

Das Hauptziel des Vortrags war,die Tendenzen in der Entwicklung des Kirchenbaus im russischen Stil von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der staatlichen Politik und Ideologie des imperialen Russlands und der allmähnlichen Zuwendung der russischen Gesellschaft zur nationalen Tradition zu charakterisieren.

 Der Kirchenbau dieser Zeit spiegelt die ideologische Einstellung der Machthaber während der synodalen Epoche (18. 20. Jahrhundert, Anm. v. Übersetzer), in erster Linie die Vorstellung von der Einheit von Monarchie, Orthodoxie und des offiziellen Volkes, ganz nach der berühmten Uvarovschen Dreieinigkeit wieder. Die zeitliche Eingrenzung von 1825 bis 1917, d.h. von der Herrschaft Nikolaus I bis zu der des heiligen Nikolaus II, erlaubt es, den gesamten Eklektizismus (Historismus) und Jugendstil im russischen Kirchenbau zu betrachten.

Auszüge aus dem Vortrag:

1. Der Kirchenbau des russischen Kaiserreiches zwischen 1825 und 1917 erlangte im Vergleich zu den vorigen Epochen große Maßstäbe. Er spiegelte sowohl die Staatspolitik (davon zeugen entsprechende Gesetzeserlasse, die den Kirchenbau reglementierten), als auch das Selbstverständnis breiter Massen Russlands wieder, da es untrennbar vom Verständnis von Tradition und der nationalen Idee war.

2. Der Stil des Kirchenbaus von 1825-1917 entsprach dem Paradigma des Eklektizismus (hier spricht man auch von kirchlichem Eklektizismus), oder Historismus, d.h. die Auswahl von historischen Stilrichtungen, die der zeitgenössischen Funktion des Gebäudes entsprechen und des Jugendstils am Anfang des 20. Jahrhunderts. Eine Ausnahme bildeten einzelne entlegene Regionen mit einer ausgeprägten lokalen Schule. Vorrangig war der russische Stil, den Nikolaus I, Alexander III und der heilige Nikolaus II persönlich unterstützten. Er dominierte sowohl in indivduellen, als auch in Typenprojekten, im Kaiserreich, als auch außerhalb. Andererseits kam er vorallem im Kirchenbau zur Geltung.

3. Der russische Stil durchlebte in seiner Entwicklung mehrere Etappen, die sich präzise anhand der hauptstädtischen, und, etwas verzögert, in der provenziellen Architektur ablesen lassen. Seine herausragendsten Vertreter waren der Thonsche und der Moskauer-Jaroslavler Stil. Für das frühe Stadium des russischen Stils waren nämlich die Auftragsarbeiten K.A. Thons von richtungsweisender Bedeutung; seine Alben für Typenprojekte wurden nicht nur auf dem Lande, sondern auch in provinziellen Städten und Klöstern umgesetzt. Er vereinte auf organische Weise russische Bautraditionen mit klassizistischen Motiven, was Auftragsgeber aller Gesellschaftsschichten jener Zeit ansprach. Daher blieben Thons Projekte bis zum gewaltsamen Abbruch des Kirchenbaus aktuell, und man knüpfte beim Bau einer Kirche meist an sein Schaffen an, im Speziellen, an seine Typenprojekte, die man mannigfaltig modifizierte. Von ihrer Häufigkeit her standen Bauten im Moskauer-Jaroslavler Stil an zweiter Stelle. Im provinziellen Kunstwerk fand der neorussische Stil, im Gegensatz zu den Hauptstädten (St. Petersburg und Moskau, Anm. v. Übersetzer), kaum Verbreitung. Die retrospektive Strömung fand ihren Ausdruck fast ausschließlich in Kirchen, die sich an Kathedralen des 16. Jahrhunderts anlehnen. Einen wichtigen Stellenwert hatte auch der byzantinische Stil, sowie der gemischte Stil des kirchlichen Eklektizismus (russisch-romanisch und russisch-byzantinisch).

4. Detailfragen in der stilistischen Gestaltung einer Kirche waren, mit Ausnahme von bedeutenden hauptstädtischen Kirchen, im Regelfall von keiner prinzipiellen Bedeutung für den Auftraggeber und wurden den Architekten überlassen. Die Biografien von Kirchenarchitekten zeigt, dass sie in ihrem Schaffen bestimmten architektonischen Formen treu blieben und sie in verschiedenen Regionen umsetzten.

5. Die Erfahrung des Kirchenbaus von Mitte 19. Jh. Anfang 20. Jahrhundert zeigt, dass der Kirchenbau in seiner Art ein materielles Fundament der geistigen und nationalen Renaissance ist.

Die Bedeutung der Erforschung des späten russischen Kirchenbaus ergibt sich aus dem Interesse des Klerus, der Lokalhistoriker, Kunsthistoriker u.a. für die noch unbekannten Seiten der russischen Kirchenbaukunst, aber auch aus ihrer unmittelbaren Notwendigkeit für den Prozess der kirchlichen Wiedergeburt, der in Russland schon fast 30 Jahre währt. Sowohl die Restauration von in der Sowjetzeit zerstörten Kirchen, als auch der Bau neuer Kirchen erfordern eine professionelle Herangehensweise, die auf einer wissenschaftlichen Forschung des Kirchenbaus beruht. Es muss hervorgehoben werden, dass der Großteil der russischen Kirchen, die trotz totaler Zerstörungen bis in die heutige Zeit bestehen, in der von uns thematisierten Zeitspanne erbaut wurde.

 Die Erfassung graphischer und schriftlicher Materialien zum Kirchenbau ist unumgänglich für eine wissenschaftlich fundierte Kirchenrestauration, und das Studieren von Typenprojekten (oder Modellprojekten) für die Wiederrichtung von Kirchen, zu der keine Bildmaterialien oder andere Dokumente mehr zu finden sind sowie für den Neubau von Kirchen.

Besonders wichtig ist die Erforschung von Kirchenbauten im russischen und byzantischen Stil, die von heutigen Auftraggebern am meisten gefragt sind, da sie das künstlerische Niveau, insbesondere in der Provinz, anheben kann. Die besondere Nachfrage des russischen Stils macht den heutigen Kirchenbau zum Erben der Traditionen des 19. Jahrhunderts, das bei unserer Betrachtung im Fokus liegt. Schließlich hat unsere Forschung das Ziel, die Liebe zur eigenen Region zu fördern sowie den Wunsch zu wecken, Heiligtümer zu bewahren und wiederherzustellen.

Zum Autor:


 Der Erzpriester Alexandr Vitaljevitsch Bertash (Bremen, Sankt-Petersburg) ist Vorsteher zweier Kirchen in Bremen und Bremerhaven und Doktor der Theologie. Er absolviert zur Zeit sein PhD in Kunstgeschichte an der Universität von Jyväskylä (Finnland) und wirkt in zahlreichen Projekten zum Thema Orthodoxie und Staat in Sankt-Petersburg, im russischen Nordwesten und in Lettland mit.

2010 erhielt er für seine Leistungen im Projekt Orthodoxe Enzyklopädie eine Auszeichnung vom Patriarchen und 2011 für die Mitarbeit bei der Ausstattung der Kronstadter Kathedrale eine Auszeichnung von der Administration des Präsidenten. Für seine kirchengeschichtliche Arbeit erhielt er 2014 den Orden des heiligen Sergius von Radonesch dritten Ranges. Er ist Autor und Co-Autor von mehr als 410 Artikeln und Monographien, die unter anderem in Russland, Lettland, Deutschland, Italien, Finnland, Polen und Weißrussland erschienen sind. Sein Forschungsbereich ist Architektur, Kirchengeschichte und Biografien derModerne.




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